A  A  T  i  S

Arbeitskreis Amateurfunk und Telekommunikation in der Schule e.V.

Wetterballon aus Selm gefunden !!!

Mittags um 11.30 Uhr vom QRL in Hildesheim Richtung Peine fahrend, erinnern mich die Signale auf 144.200 MHz an das spannende Ereignis: ein Wetterballon des AATiS ist wieder unterwegs. Die bisher erreichte Flughoehe von 10 000 km erstaunen mich zwar weniger, wohl aber die doch grosse Reisegeschwindigkeit von 100 km/h; Daten, die in Phonie etwa jede Minute mitgeteilt werden. Das GPS-System an Bord des Ballons ermoeglicht darueber hinaus den genauen Standort. Ohne Landkarte sind diese Daten aber im Auto wenig sinnvoll. Die spannende Frage, wie hoch wird er diesmal fliegen, laesst sich auch mobilerweise gut verfolgen.

Zu Hause angekommen, teste ich aus: Kann ich die digitalen Daten des Wetterballons aufzeichnen und abspeichern?

Antwort: ja.

Wie intensiv sind die Reaktionen im Conversmode Kanal 55?

Kaum auf diesem Kanal, werde ich von dl4oad, Wolfgang, freundlich begruesst. Die anderen OM`s sind mir vom Rufzeichen weniger bekannt. Kein Wunder, denn schliesslich bestaetigen Funkamateure vom Bodensee bis zur Insel Sylt sowie aus Berlin den Empfang der Daten. Das Einzugsgebiet ist erstaunlich gross. Eine Vielzahl von QSO-Partner vertreiben sich die Zeit des Aufstiegs auch durch z.T. kreative Bemerkungen, die so manchen Leser zum Schmunzeln bringen. Steighoehen und Standorte werden regelmaessig mitgeteilt: die Hoehe betraegt fast 30 km. Oha, das ist ja sehr, sehr hoch. So hoch fliegen nicht einmal die Jumbos, wie es ein OM treffend bemerkt. Dass das GPS dieses Ballons Hoehen ueber 30000 m softwaremaessig nicht mehr angibt, erfaehrt der Leser auf diesem Kanal so nebenbei. Inzwischen hat das Objekt den Ort Springe in der Naehe von Hildesheim ueberflogen.

Ploetzlich meldet das System: der Ballon sinkt, die Latexhuellen mit einem geschaetzten Durchmesser von 12 m sind offensichtlich geplatzt. Es wird hektisch auf dem Kanal 55. Starkes QSB wird von einigen Staionen gemeldet. Wie lange laesst sich die Datenflut des Restballons verfolgen? Reichen die Daten zur Bestimmung des Landeplatzes aus? Der Locator wird immer haeufiger mitgeteilt JO 52 BD , Hoehe 6 km . JO 52 BD ? Das kommt mir sehr vertraut vor, denn mein eigener Locator ist JO 52 BF ! Jetzt wird es fuer mich aufregend. Kann ich den Fallschirm vielleicht schon sehen?

Das Telefon klingelt: Wolfgang, DL4OAD ist dran. Der Sender hat nur noch eine Hoehe von 3 km und ist etwa 5 km von mir entfernt. Wolfgangs Vorschlag: Versuche die Daten auf 144.200 Mhz so lange wie moeglich zu verfolgen, bleibe auf dem Kanal 55 QRV, gehe auf den Boden und peile den Ballon mit SSB an.

Eine schier unloesbare Aufgabe fuer mich: Fuer SSB steht mir nur ein defektes, z.Z nicht aufgebautes Geraet zur Verfuegung.

Dennoch wird eine Yagi fuer 2m schnell vom Boden geholt, mein aeltester Sohn haelt sie provisorisch in der Hand und wir empfangen tatsaechlich Signale aus Richtung Suedwest wie vorhergesagt.

Fuer die beiden anderen Verbindungsarten habe ich nur ein kleines Handy von Alinco. Ich schalte hin und her: 'mal PR Kanal 55, dann wieder die Direktfrequenz mit dem Ballon. Da mein QTH Bierbergen klein ist, kann ich die naehere Umgebung gut ueberschauen. Vom Balkon aus ist aber kein Schirm am Himmel zu erkennen. Also wieder zurueck zum Funkgeraet. Aber ausgerechnet jetzt ist auf dem Bildschirm des Rechners zu lesen: DISCONNECTED. (Was habe ich nun schon wieder fasch gemacht? Egal. Kann ja 'mal passieren: schlieálich habe ich die Lizenz erst Dezember letzten Jahres gemacht.) Also zurueck in den Conversmode. Gleichzeitig klingelt das Telefon. DL4OAD: "Du kannst gleich losfahren". Die QRG fuer den Direktkontakt wird abgesprochen. Ich erfahre auch, dass ein weiteres Suchteam aus Hannover unterwegs ist, so kann man ggf. mit mehreren Personen das Objekt suchen.

In diesem Moment erscheint auf Kanal 55 der vermeindliche Landeort: zwischen Dungelbeck und Schmedenstedt (JO 52CG (?) ) nur 10 km von mir entfernt. Nun packt mich der Ehrgeiz und auch meine XYL am Wickel. Ausgerechnet jetzt muss ich meine Kinder bei einem Schuetzenfestumzug fotografieren, ich werde noch wahnsinnig: so eine Chance sich in die Annalen des AATiS verewigen zu koennen und dann das. Es nuetzt nichts. Acht Bilder und ab in den PKW.

15 Minuten spaeter bin ich schon in Dungelbeck. Zwischen zwei Haeusern empfange ich ploetzlich das PR-Signal ueber meine kleine Antenne auf dem Autodach. Am Ende des Ortes erfolgt die erste Peilung mit Hilfe einer Yagiantenne. Das staerkste Signal ist in Richtung Sueden feststellbar. Ich fahre einen Kilometer weiter und wiederhole die Prozedur. Die Antenne weist in Richtung eines Waldes in 3 km Entfernung. "Gut, dass das Team aus Hannover unterwegs ist," ist mein naechster Gedanke, "im Wald finde ich das Geraet allein bestimmt nicht." Ueber das davorliegende freie Feld verlaufen zwei Ueberlandleitungen der hiesigen Elektrizitaetswerke. ........

Ich steige wieder in den Wagen , fahre 200 m und entdecke auf eben diesem Feld den hell reflektierenden Radarschirm und den roten Fallschirm. Nur wenige Meter weiter pflgt ein Landwirt den Boden. Ich renne ber das Feld und jubele vor Freude: ICH HABE IHN GEFUNDEN.(UTC: 12.32 UHR) Der Bauer haelt an, ich erklaere ihm noch immer ausser Atem, wer ich bin, weshalb der Ballon gestartet wurde usw. .

"SELM ? Ganz schoen weit weg,"murmelt er. (Das hat er bestimmt nur an der Postleitzahl erkannt. SELM? Wo liegt das eigentlich genau?) Auf der Rueckfahrt stoert der Sender im Kofferraum die vereinbarte Frequenz dermassen, dass kein QSO mit dl4oad zustandekommt. Zuhause wird sofort wieder der Conversmode gewaehlt und der Erfolg gemeldet. Nach einigen Glueckwuenschen (Vielen Dank!!) erfahre ich auch, dass die Hannoveraner ebenfalls von dem Fund erfahren und die Rueckreise angetreten haben. Eigentlich schade, dass wir uns nicht getroffen haben, aber: auch hier zaehlt der olympische Gedanke "Dabei sein ist alles" und die Bereitschaft zur Mitarbeit.

Erst jetzt komme ich wieder zur Ruhe. Der Atlas erteilt mir Nachhilfe in Sachen Geographie, wo der Startort SELM liegt und dass der Ballon diesmal doch recht weit gekommen ist. Als Physiklehrer interessiert mich natuerlich auch die Technik des Senders. Ich oeffne das Paket und bin doppelt froh, dass es gefunden wurde: man erahnt foermlich, wieviel Arbeit in der Entwicklung steckt. Die Kosten fuer einen Ersatz sind sicherlich auch nicht zu unterschaetzen.

Am Aufbau der Platinen erkennt man, was Amateurfunk darstellt: Experimentalfunk. Das ist PHYSIK zum Anfassen.

Ein Blick in das Praxisheft Nummer 5 des AATiS verdeutlicht darueberhinaus weitere Funktionen der Sensor- und Messtechnik. Die farbigen Bilder vermitteln einen guten Eindruck vom Start des Ballons. Ein wenig beneide ich nun die Selmer um dieses Erlebnis. Aber seid gewiss: auch das Finden des Ballons ist ein Abenteuer fuer sich.

Nur wieviel Muehe haette es ohne die genaue Angabe (ich wiederhole: GENAUE Angabe) des Landeortes gekostet: der vorausberechnete Ort (das Fax von DK2SM liegt mir vor) und der tatsaechliche Landepunkt lagen nur 400 m weit entfernt. Der Landeort befand sich genau zwischen Dungelbeck und Schmedenstedt, 250 m suedwestlich der Bundesstrasse 65 (Escheberg). Ein tolles Ergebnis. Glueckwunsch von meiner Seite.

Ich wuensche dem SELM - Team noch viel Spass bei der Auswertung der uebermittelten Daten und hoffe, dass bisher gezeigten Aktivitaeten noch mehr Fruechte tragen werden.

73 de Sigi, DG9ACU aus Bierbergen, Hohenhameln nr Peine nr Hannover.

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